Der Posaunenchor

1922 – 1945 / Die Gründung des Posaunenchores Drabenderhöhe

In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg wurden in vielen Kirchengemeinden Missionsfeste abgehalten, welche in der Regel im Freien stattfanden. Bei diesen Gelegenheiten traten in manchen Gemeinden Posaunenchöre auf, um den Gemeindegesang zu begleiten und die Feste mit zu gestalten. Die Gründung dieser Chöre ging vielfach zurück auf die Erweckungsbewegung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch das Oberbergische und besonders das Homburger Land erfasst hatte. Die Menschen wollten ihrer Freude über den neu gewonnenen Glauben Ausdruck verleihen und darum den Herrn auch mit den Posaunen loben. Diese Missionsfeste wurden auch von dem jungen Franz Kranenberg aus Verr eifrig besucht. Man scheute damals die weiten Fußwege nicht. Da er Freude an der Musik hatte, sagte er sich: Das Hornblasen musst du auch lernen!

Von einem Arbeitskollegen im Hammerwerk erstand er ein altes Es-Horn. Willi Theis aus Forst schrieb zu einigen Volksliedern die Griffe auf und das Üben konnte beginnen. Dem Bruder, Willi Kranenberg machte das Blasen ebenfalls Spaß. Fritz Schmidt aus Büddelhagen fand sich auch hinzu und bald war man soweit, dass man nach Köln fuhr und dort eine Es-Tuba, eine Zugposaune und ein Tenorhorn kaufte. Vorher musste man jedoch Butter sammeln, weil das Geld allein nichts wert war. Aus dem Dörfchen Immen kamen die Bläser Erich Heu, Karl Blass und Willi Jaspert hinzu. Der Anfang war sehr mühsam. So musste beispielsweise Willi Kranenberg, der die Es-Tuba blies, die Griffe selbst ausprobieren, bis sie zu den Noten passten. Grifftabellen oder Anleitung hatten die jungen Bläser nicht. Trotzdem schafften sie es, nachdem die Sache 1922 ihren Anfang genommen hatte, dass sie nach ca. 2 Jahren zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auftreten konnten. Es wurden sowohl geistliche Lieder wie auch Volksmusik und Märsche gespielt, nachdem man auch eine Trommel angeschafft hatte.

Die Aufbauzeit des Chores fiel in die Zeit der wirtschaftlichen Flaute nach dem Weltkrieg 1914 – 1918. In der ersten Zeit wurde in Verr geprobt, in der Wohnung des Dirigenten Franz Kranenberg. Später siedelte man über in den Konfirmandensaal im Pfarrhaus Drabenderhöhe. Der damals in Drabenderhöhe tätige Pastor Liederwald bemühte sich eigenhändig, den Bläsern den richtigen Takt beizubringen. Nur hatte die Sache einen Haken: Bei den Tönen der dicken Trommel war es für den Erstgeborenen des Pfarrers unmöglich zu schlafen, da sein Zimmer über dem Konfirmandensaal lag. So wurde er bei Beginn und Ende jeder Übungsstunde mitsamt dem Bett in ein anderes Zimmer und wieder zurück getragen. Um diesem Notstand abzuhelfen sannen die Bläser auf Abhilfe und brachten es fertig, sich ein eigenes Übungslokal, das sogenannte „Posaunenhäuschen“ zu bauen. Viele Bläser waren arbeitslos und stellten ihre Arbeitskraft zur Verfügung. Großzügige Gönner stifteten das Bauholz, am meisten wohl Wilhelm Schmidt aus Büddelhagen. Albrecht Gerlach aus Jennecken übernahm mit seinem Pferdefuhrwerk den Transport zum Sägewerk, – zur „Schnittmüll“- das seinen Standort im jetzigen Biesengarten, in der Gegend des Hauses Muth und Loede hatte. Die fertigen Balken trug man die paar Schritte zur Baustelle, die in der Nähe des Hauses Clemens bei der alten Schule war. Gezimmert wurde das Haus von Präsenter Modersbach aus Niederhof.

Wenn man bedenkt, in welch schlechter wirtschaftlichen Lage sich die Bevölkerung damals befand, so kann man aus der Tatsache, dass das gesamte Baumaterial gestiftet wurde schließen, dass die jungen Bläser sich unter den Gliedern der Gemeinde doch schon einige Sympathie erworben hatten.

Im zweiten Weltkrieg 1939 – 1945, als das Blasen ganz zum Erliegen kam, wurde das „Posaunenhäuschen“ allerdings zweckentfremdet. In den ersten Kriegsjahren diente es der Hitlerjugend als Schulungsraum und später fanden Evakuierte dort eine Unterkunft. Im Zuge der Flurbereinigung wurde es Anfang der fünfziger Jahre abgebrochen.

Doch nun zurück zu unserem jungen Chor. Gleich in den ersten Jahren seines Bestehens trat der Chor der Oberbergischen Posaunenvereinigung bei, die im Jahre 1920 gegründet wurde und deren Leiter bis heute immer ein Pfarrer aus der Aggersynode ist. In dieser Vereinigung sind die Oberbergischen Posaunenchöre zusammengeschlossen, welche sich jedes Jahr am 1. Sonntag im Juli zu einem gemeinsamen Posaunenfest treffen. Es kommen dann bis zu 300 Bläser zusammen.

In der Anfangszeit ähnelten diese Feste wohl mehr einem Wettstreit, doch schnell erkannte man, dass die Verkündigung von Gottes Wort und gemeinsames Blasen den Vorrang haben müssten. Gleichwohl traten bis in die fünfziger Jahre bei jedem Posaunenfest noch etliche „Einzelchöre“ auf.

Der Besuch des Posaunenfestes war immer ein Höhepunkt im Jahr der Bläser. Morgens wurde das Fahrrad mit einem bunten Strauß geschmückt und dann ging es auf die Reise, die jedes Jahr ein anderes Ziel hatte, da jedes Jahr ein anderer Chor das Fest ausrichtete. Die weiteste Strecke galt es wohl bis Holpe im Südkreis zu überwinden. Die Festveranstaltung fand in der Regel in einem „Kamp“, das heißt unter einer Gruppe hoher Eichen oder Buchen statt.

Die jungen Bläser übten mit erstaunlichem Eifer. So kam es einmal vor, als sie sich eines Abends zum Üben in Verr getroffen hatten, dass sie zu später Stunde beschlossen, erst gar nicht das heimatliche Bett aufzusuchen, sondern in der Küche von Franz Kranenberg ein Lager aufzuschlagen, um am Sonntagmorgen in aller Frühe ins Loopetal zu ziehen, um dort Märsche einzuüben. So geschah es dann auch. Da es aber noch kein Telefon gab, so tauchten an besagtem Morgen bald einige Väter aus Immen auf, die über das Ausbleiben ihrer Söhne verständlicherweise sehr in Harnisch geraten waren.

Auch anderer Begebenheiten erinnern sich heute die „alten Bläser“ gern. So eines Ausfluges mit den Fahrrädern, wo unter der Müngstener Brücke bei Solingen abgekocht wurde oder der Sommerfeste des Kindergottesdienstes, wo der Posaunenchor nicht fehlen durfte, sowie eines Auftrittes in Ründeroth, wo anlässlich eines „Kriegerfestes“ beim Marschieren im Festzug eine andere starke Kapelle entgegen kam und der Trommelschläger mit Macht zuschlagen musste, um den Chor im Takt zu halten.

Um Geld für Hörner zu beschaffen, veranstaltete der Chor auch Feste, bei dem die Bläser in kleinen Theaterstücken als Laienspieler auftraten. In dieser Zeit hatte der Chor 22 Mitglieder, teilweise auch mit Holzblasinstrumenten. Eine solch hohe Mitgliederzahl ist später nicht mehr erreicht worden.

Schon in der Anfangszeit begann man, einem Brauch anderer Oberbergischer Posaunenchöre folgend, am Ostermorgen durch die Ortschaften der Kirchengemeinde zu ziehen und die Leute mit Osterchorälen zu wecken.

Da der Chor auch bei patriotischen Festen wie dem oben erwähnten „Kriegerfest“ auftrat, so waren auch die damaligen Machthaber, die Partei Adolf Hitlers, aufmerksam geworden und wollten den Chor zu einer SA- Kapelle machen, was aber nicht gelungen ist. Nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges 1939 – 1945 kam das Blasen vollkommen zum Erliegen, da die meisten Bläser eingezogen wurden. Der Krieg forderte dann auch unter den Bläsern seine Opfer. Acht Mitglieder des Chores sind gefallen.

1945 – 2000 / Neuanfang nach dem Krieg

Im Sommer 1945, als der zweite Weltkrieg zu Ende war, trafen sich an einem Sonntagmorgen fünf Bläser, welche aus der Vorkriegszeit noch übrig geblieben waren, am Waldrand von Verr und Brächen, um nach den langen Kriegsjahren zum ersten Mal wieder die Hörner erklingen zu lassen. Es waren dies: Karl Ruland, Fritz Schmidt, Ernst Groß, Karl Heu und Franz Kranenberg. Kurze Zeit später bliesen diese fünf Bläser auch erstmalig im Gottesdienst, der in der Schule stattfand, dem späteren Feuerwehrhaus. In der Folgezeit wurden auch wieder junge Bläser ausgebildet, so dass der Chor bald wieder eine Stärke von rund einem Dutzend Bläser hatte. Da wegen der zerstörten Kirche die Gottesdienste in der Schule und später im Saal Lang abgehalten wurden, blies der Chor sehr oft als Ersatz für die zerstörte Orgel. Auch als die Kirche wieder benutzt werden konnte, fehlte noch lange die Orgel, weshalb der Posaunenchor bei keinem kirchlichen Fest fehlen durfte.

In den Jahren nach dem Krieg wurde auch jeder, der nach langen Jahren der Gefangenschaft heimkehrte, mit Chorälen begrüßt. Zum Aufbau der Kirche wurde ein Konzert veranstaltet, bei dem der Posaunenchor zusammen mit dem Posaunenchor Helmerhausen auftrat und wo die Bläser zusammen mit dem Männergesangverein Drabenderhöhe vortrugen: „Das ist der Tag des Herrn“ Zu den Übungsabenden nach Helmerhausen fuhr der Tenorhornbläser Fritz Schmidt mit seiner Trecker-Karre. Im Leerlauf ging es in sausender Fahrt das Ülpetal hinab, sonst lief der Trecker nämlich nur 8 KM in der Stunde.

Das Blasen am Ostermorgen sowie an Altengeburtstagen nahm man auch wieder auf. Bis Anfang der fünfziger Jahre feierte der Kindergottesdienst jedes Jahr sein Kindergottesdienst- Sommerfest, dabei wirkte der Posaunenchor regelmäßig mit. Neben den Jahresfesten der Oberbergischen Posaunenvereinigung besuchte der Chor auch einige Male die Bundesposaunenfeste des CVJM- Westbundes. Mitte der 1960er Jahre kamen etliche Jungbläser in die Ausbildung des Posaunenchores, von denen noch heute 4 Bläser aktiv sind. Die Ausbildung übernahm seinerzeit Dieter Kranenberg. Einer der ersten Auftritte dieser Jungbläser war der Gottesdienst zur Einweihung der Siebenbürger- Siedlung im Jahr 1965. Im dem Zelt, welches damals zu diesem Anlass auf dem alten Sportplatz aufgebaut war, gestaltete der Posaunenchor damals den Gottesdienst musikalisch.

Im Jahr 1972 feierte der Chor dann sein fünfzigjähriges Bestehen zusammen mit dem Gemischten Chor. Anfang der 1980er Jahre übergab Franz Kranenberg die Leitung des Posaunenchores aus Altersgründen an seinen Sohn Dieter Kranenberg. Ostern 1985 konnte der Trompetenbläser Ernst Groß sein 60-jähriges Bläserjubiläum feiern. Ein einmaliges Ereignis, welches so schnell kein anderer Bläser noch einmal erleben wird.

Im Januar 1998 legte Dieter Kranenberg das Amt des Chorleiters überraschend nieder. Nach intensiven Gesprächen wurde beschlossen, dass man den Posaunenchor nicht nach über 75-jährigem Bestehen so einfach verschwinden lassen wolle, sondern Werner Sträßer und Helmut Kranenberg den Chor abwechselnd leiten sollten. Werner Sträßer machte dann in den Osterferien 1998 einen Chorleiterlehrgang auf der Ebernburg bei dem damaligen Landesposaunenwart Eckart Berghaus.

Der erste Auftritt unter der neuen Chorleitung erfolgte zur Altenfeier 1998 im Gemeindehaus. Am 12. November 2000 führte der Posaunenchor aus Anlass des 250. Todesjahres von Johann Sebastian Bach, gemeinsam mit dem Posaunenchor der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde Mühlen-Bielstein, im Gemeindehaus auf. Dabei wurden insbesondere Choräle des bedeutendsten evangelischen Komponisten musiziert.