Predigt von Pfarrer Rüdiger Kapff, gehalten am 3. Sonntag nach

Trinitatis (17. Juni 2018) anlässlich seiner Verabschiedung in den Ruhestand.

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Zur Vorbereitung der heutigen Predigt habe ich mir noch einmal dieses kleine Büchlein vorgenommen: Mein Terminkalender des Jahre 1986! Beim Durchblättern lese ich dort zufällig: 3. Sonntag nach Trinitatis, 15. Juni 1986 – 10.00 Uhr Probepredigt in Drabenderhöhe. Und heute nun, auch am 3. Sonntag nach Trinitatis, genau 32 Jahre später, der Gottesdienst zu meiner Verabschiedung in den Ruhestand. Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern: Es war der 1. Geburtstag meines Sohnes Lionel. Wir waren morgens früh zu dritt – meine Frau und Lionel waren auch dabei – in Duisburg losgefahren, um pünktlich um 10 Uhr hier in der Kirche zu sein. Nach dem Gottesdienst dann ein Spaziergang durch die Umgebung. Plötzlich waren wir in Büddelhagen und dachten: Wo sind wir hier gelandet? Die Straße zu Ende? Am Ende der Welt? Anschließend haben wir in Verr im „Haus Waldeck“ den Tag gefeiert: Lionels ersten Geburtstag und meine Probepredigt hier in der Gemeinde.

So ging es los, damals vor 32 Jahren. Dann die Wahl zum Pfarrer dieser Gemeinde und am 7. September 1986 der Gottesdienst zur Einführung in den Pfarrdienst. Gepredigt habe ich in diesem Einführungsgottesdient über ein Wort aus dem 1. Petrusbrief. Es war der vorgeschlagene Predigttext für diesen 15. Sonntag nach Trinitatis.

Im 5. Kapitel heißt es da: „Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 1. Petrus 5, 5-7

Liebe Gemeinde!

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“

Über dieses Wort hatte ich gepredigt – ein Wort, das mich begleitet hat all die Jahre, das mir Kraft und Hilfe war und Trost. Ich habe mir noch einmal meine Predigt von damals herausgesucht. Ich hatte mich gefragt, was da wohl auf mich zukommen würde in der neuen Gemeinde, wie der Übergang wohl wäre von der Stadt aufs Dorf … „Werde ich zurechtkommen, werde ich es schaffen – diese Umstellung von einer Gemeinde in eine ganz andere? Ungewissheit, Zweifel, Sorge – vielleicht etwas Angst ….“ Aber dann dieses Bibelwort:

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“

Dieses Wort hat mich seit diesem Einführungsgottesdienst begleitet, es ist mir wichtig geworden. Es ist mir zum Leitwort geworden für meinen Dienst und für mein Leben. Früher habe ich gedacht, dieser Vers ist eine Zumutung. Doch ich habe gemerkt, dass er eine Befreiung sein kann. Lass los, wirf ab, was dich beschwert, werde frei. Halte nicht krampfhaft alles fest. Wirf endlich weg, was dich niederdrückt und gefangen nimmt. Werft alle Sorgen auf Gott, denn Gott sorgt für euch. Ein Satz, der Mut gibt, ein Satz, mit dem man Leben kann. Werft eure Sorge weg, werft sie auf Gott, schaut über den Tellerrand eurer kleinen Probleme, habt Vertrauen. Werft eure Sorgen weg, werft sie auf Gott! Dort sind sie gut aufgehoben. Dieser Satz macht Mut. Er gibt uns Zuversicht und Kraft, die Probleme gelassen, ja heiter anzugehen. – Dieser Satz ist keine Aufforderung zur Gleichgültigkeit allen Alltagsfragen gegenüber – ganz im Gegenteil. Er ruft nicht dazu auf, sorglos einfach in den Tag hineinzuleben, aber er befreit mich von jenem heimlichen Leistungsdruck, unter den ich mich stelle. Vorsorge und eigenes Bemühen, soweit es den vorhandenen Möglichkeiten und Kräften entspricht – ja! Quälende Sorge und stets überfordernder Leistungsdruck – nein! Unsere Lebenserfüllung hängt nicht davon ab, was wir gestern nicht geschafft haben und heute nicht schaffen. Wir können getrost und in Ruhe tun, was in unseren Kräften steht. Was wir nicht schaffen, können wir ebenso getrost anderen überlassen. Oder mit den Worten Martin Luthers: „Pfarrer, predige du das Wort und lass Gott die Leute fromm machen.“

Das heißt nicht: „Lass fünf gerade sein!“ Es heißt aber: „Etliches von der Aussaat trug dreißigfältig, etliches sechzigfältig, etliches hundertfältig.“ Nur Geduld.

Und das, liebe Gemeinde, führt uns nun zu einem zweiten Gedanken unseres Bibelwortes. „Alle miteinander haltet fest an der Demut …. Demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes.“ So beginnt unser heutiges Bibelwort. Demut – ein altes Wort, das aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch verschwunden ist. Gemeint ist doch dies: Erkennt eure Grenzen! Ihr seid nicht der Mittelpunkt der Welt. Seid nicht überheblich, sondern seid bereit, einander zu dienen. Alle miteinander.

„Alle miteinander – haltet fest an der Demut.“

Das heißt doch, so hatte ich damals gesagt – und so habe ich es erlebt in dieser Zeit: Ich stehe nicht allein in meinem Amt. Ohne die Gemeinde, ohne die Mitarbeiter, ohne all die Gemeindeglieder kann ich nichts tun …. Wir gehören alle zusammen – alle miteinander! Alle miteinander – nicht einer allein! Alle miteinander – ich denke gerne zurück an die Aktion „Alle unter einem Dach“, als wir, Gemeinde, Chöre, Vereine, das ganze Dorf, uns für ein Projekt, die Erneuerung des Kirchendachs, eingesetzt haben.

„Demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes.“

Das heißt: Ihr könnt euch nur Gottes Hand überlassen. Und ihr müsst nicht im voraus wissen, wozu ihr in der Lage sein werdet. Nur werft eure Sorge auf Gott! Dietrich Bonhoeffer hat das in seinem berühmten Glaubensbekenntnis so ausgedrückt: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“ Und darum:

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“

Liebe Gemeinde, in meiner Einführungspredigt erzählte ich am Ende: „Als ich meine Bücher für den Umzug in Kartons verpackte, da vermerkte ich jeweils den Inhalt der Kiste auf dem Deckel, um den Überblick nicht ganz zu verlieren. Und als nun der Möbelpacker die Bücherkisten mit meiner Fachliteratur im Möbelwagen verstaute und dabei las: „Theologie 1-4“, da stutzte er: „Theologie – wat is dat denn?“ und wusste nicht, ob die Kisten in die Küche oder ins Wohnzimmer gehören.“

Liebe Gemeinde, vor der gleichen Situation stehe ich jetzt wieder: Wohin mit den Bücherkisten „Theologie“? Fest steht: Sie kommen nicht in die Küche und auch nicht auf den Speicher. Denn ich werde dranbleiben am Thema. Denn mit dem Glauben, mit der Frage nach Gott ist man nie fertig. Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

R. Kapff

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Predigt zu Pfingstsonntag

Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. So formuliert das apostolische Glaubensbekenntnis aus dem 5. Jahrhundert und wir tun es ihm gleich in jeder gottesdienstlichen Feier, in der wir dieses Bekenntnis aussprechen. Auffallend ist, dass in diesem Glaubensbekenntnis über Gott, den Vater, und besonders über seinen Sohn Jesus Christus weitere Aussagen gemacht werden, die beide charakterisieren: der allmächtige Vater, der der Schöpfer Himmels und der Erde ist. Jesus wird beschrieben von seiner Empfängnis in Maria bis zu seiner Wiederkunft über Geburt, Tod und Auferstehung. Aber beim Heiligen Geist, dessen Fest wir heute feiern, fehlen solche Aussagen. Fehlen deshalb auch die äußeren Zeichen und Rituale, Symbole und Traditionen wie zu Weihnachten und Ostern? Und dabei steht doch schon am Anfang unseres Lebens in der Taufe die Zusage im Mittelpunkt: Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

…ist auf vielfältige und eindrucksvolle Weise dargestellt, was die Lesung aus der Apostelgeschichte heute wiedergibt: Die Jüngerschar, zu der sich auch Maria gesellte, ist versammelt, um zu beratschlagen, wie es nach der Katastrophe des Todes Jesu weitergehen soll. Und die Künstler malen in bunten Farben, was der Verfasser der Apostelgeschichte beschreibt: Feuerzungen kommen auf die Versammelten nieder und aus Verängstigten werden Begeisterte, die erzählen, Jesu sei auferstanden. Und auf die Frage, wie das denn so plötzlich kam, sagt der biblische Schreiber Lukas: »Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt.«

So fragen viele oder fragen sich auch nicht mehr. Das ist mir zu kompliziert, sagten mir Eltern bei der Vorbereitung auf die Taufe ihres Kindes. Reicht es nicht aus, wenn wir an Gott glauben und wir mehr oder weniger gut verstehen, wer Jesus ist?

Wir haben dann das heutige Evangelium hergenommen, es Vers für Vers gelesen und sind dabei ein wenig in die Schule Jesu gegangen und haben versucht, von ihm zu erfahren und zu lernen, wie das gemeint sein könnte: Ich glaube an den Heiligen Geist.

Empfangt den Heiligen Geist. Gleichsam wie bei einer großen Ouvertüre ist damit schon das ganze Thema entfaltet: Es geht um nichts und niemand anderes als um Gottes Geist. Nicht Ungeister und dämonische Mächte, Unheilsgeister und Gesinnungen des Hasses und der Rache, des Streites und der Vernichtung werden prophezeit und herbeigeschworen, keine esoterische, absonderliche Geisterwelt tut sich auf. Gottes Geist wird angerufen, in der Sprache der Bibel also Gott selber. Um ihn geht es, der der Gott der ganzen Welt und aller Menschen ist. Der, der schon auf der ersten Seite der Bibel bezeugt wird als der, aus dessen Hand und in dessen Hand alles ist, was lebt. Mit seinem Atem, mit seinem Lebenshauch, mit seinem Geist und Leben stattet Gott das von ihm ins Leben gerufene Geschöpf aus, das seither den Namen Mensch trägt. Nach der Erfahrung von Leiden und Tod, die die Jünger zutiefst getroffen hatte, werden sie daran erinnert: Gott selber tritt für euch ein. Er ist der, der sich so offenbart: Ich bin der ich-bin-da, mit euch und für euch, alle Tage. Nie seid ihr gott-verlassen und gott-los. So lange der Mensch lebt, atmet er und sein Lebensatem ist geschenktes Leben. Heiliger Geist meint: Gottes Leben lebt in mir. Mein Leben ist empfangenes und unverdient geschenktes Leben.

… fügt Jesus vor den eingeschüchterten und angsterfüllten, in sich und vor der Welt verschlossenen Jüngern hinzu: Friede sei mit euch. Er beschreibt damit nichts anderes und niemand anderen als Gott selber, der der Friede ist. Gottes Geist, seine Absicht für den Menschen und die Welt ist Friede, Versöhnung und Gerechtigkeit. Wer Gott ist und was er den Menschen sein will, ist zusammengefasst in diesem Wort: Friede sei mit euch. Die von Gott ausgehende, lebendige Kraft, seine Wirkmacht, sind nicht auf Zerstörung und Vernichtung aus, auf Trennung und Ausgrenzung, auf Verachtung und Unterdrückung, sondern vielmehr auf Heil und Heilung. Wenn wir von einem Menschen aufgrund seiner Verhaltensweisen und seiner Äußerungen sagen: Da sieht man, wes Geistes Kind er oder sie ist, dann meinen wir: Da sieht man, was diesen Menschen im Innersten ausmacht, ihn bestimmt, sein Handeln und seine Taten leitet, was er in seiner tiefsten Bestimmung ist. Wo Friede ist, ist Gott, weil Gott der Gott des Friedens, ja der Friede selber ist. Deshalb die Ankündigung bei der Geburt des menschgewordenen Gottes: Friede den Menschen auf der Erde. Gott, der Friede, kommt dorthin, wo Menschen schreien und sich sehnen nach Befreiung und Erlösung. Und deshalb diese Zusage, die angesichts des Todes Jesu notwendig wurde: Nicht Tod ist für euch bestimmt, sondern Leben und Friede.

… dass dies alles nicht aus dem Reich der Phantasie und der Spekulation, aus jenseitiger Geistesspähre stammt, verweist Jesus auf das, was seine bleibenden Erkennungsmerkmale und Identitätszeichen sind: seine von den Kreuzesnägeln durchbohrten Hände und seine von der Lanze des Soldaten durchbohrte Seite. Gottes Geist, der jetzt, hier und heute an den Menschen handelnde Gott, ist der Gott, der leidet mit den Leidenden, der verwundbar wurde und die Wunden der Verspottung und Verachtung ausgehalten hat, der auf der Seite all derer zu finden ist, die um ihrer Überzeugung willen verfolgt werden, die unschuldig vergewaltigt, gequält und getötet werden. Gott ist nicht unempfindlich gegenüber dem Leid und dem Leiden der Menschen. Mitleid ist Gottes Kennzeichen, nicht als gnädiges Von-oben-herab, sondern als ein mit den Menschen leiden, sich zu ihnen beugen, mit ihnen weinen und klagen. Das hat Jesus in den Begegnungen mit den Menschen gezeigt als der, der Gottes Liebe und seine persönliche Nähe gelebt hat und den Menschen daran Anteil schenkte. Seht meine Hände und meine Seite!

…vielmehr ist er eine lebendige und lebendig machende Anstiftung zum Leben: Wie mich der Vater gesendet hat; so sende ich euch. Im Plural gesprochen! Keine allein individuelle und individualistische Auszeichnung und Belohnung. Sondern Auftrag, Bestimmung für die damals noch kleine Jüngergemeinde, die bald bis an die Grenzen der zu ihrer Zeit bekannten Welt auszog, um allen aus diesem Geist den Gott zu bezeugen, der der Gott des Lebens ist. Er ist nicht nur da für ein einziges Volk, für eine auserwählte Nation, für eine bestimmte Sprache und Kultur, für eine andere ausgrenzende Konfession oder Religion. Er ist nicht katholisch oder evangelisch, er gehört nicht den Christen, den Juden oder dem Islam, er gehört nicht den Weißen oder den Schwarzen, sondern er ist der Gott all derer, über die er seinen Geist ausgießt und sie in einer neuen Gemeinschaft zusammenführt. Einer Gemeinschaft, in der Vergebung und Verzeihung leben.

Deshalb und damit wir es nicht vergessen, der heutige mit zwei freien Tagen gewürdigte Festtag mit seiner Bitte: Gott, sende uns deinen Geist. Und: Komm, Heiliger Geist, strahle Licht in unsere Welt. Denn ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts heil sein und gesund.