Jesaja 58,7-12

Falsches und rechtes Fasten

7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

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Predigt zu Pfingstsonntag

Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. So formuliert das apostolische Glaubensbekenntnis aus dem 5. Jahrhundert und wir tun es ihm gleich in jeder gottesdienstlichen Feier, in der wir dieses Bekenntnis aussprechen. Auffallend ist, dass in diesem Glaubensbekenntnis über Gott, den Vater, und besonders über seinen Sohn Jesus Christus weitere Aussagen gemacht werden, die beide charakterisieren: der allmächtige Vater, der der Schöpfer Himmels und der Erde ist. Jesus wird beschrieben von seiner Empfängnis in Maria bis zu seiner Wiederkunft über Geburt, Tod und Auferstehung. Aber beim Heiligen Geist, dessen Fest wir heute feiern, fehlen solche Aussagen. Fehlen deshalb auch die äußeren Zeichen und Rituale, Symbole und Traditionen wie zu Weihnachten und Ostern? Und dabei steht doch schon am Anfang unseres Lebens in der Taufe die Zusage im Mittelpunkt: Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

…ist auf vielfältige und eindrucksvolle Weise dargestellt, was die Lesung aus der Apostelgeschichte heute wiedergibt: Die Jüngerschar, zu der sich auch Maria gesellte, ist versammelt, um zu beratschlagen, wie es nach der Katastrophe des Todes Jesu weitergehen soll. Und die Künstler malen in bunten Farben, was der Verfasser der Apostelgeschichte beschreibt: Feuerzungen kommen auf die Versammelten nieder und aus Verängstigten werden Begeisterte, die erzählen, Jesu sei auferstanden. Und auf die Frage, wie das denn so plötzlich kam, sagt der biblische Schreiber Lukas: »Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt.«

So fragen viele oder fragen sich auch nicht mehr. Das ist mir zu kompliziert, sagten mir Eltern bei der Vorbereitung auf die Taufe ihres Kindes. Reicht es nicht aus, wenn wir an Gott glauben und wir mehr oder weniger gut verstehen, wer Jesus ist?

Wir haben dann das heutige Evangelium hergenommen, es Vers für Vers gelesen und sind dabei ein wenig in die Schule Jesu gegangen und haben versucht, von ihm zu erfahren und zu lernen, wie das gemeint sein könnte: Ich glaube an den Heiligen Geist.

Empfangt den Heiligen Geist. Gleichsam wie bei einer großen Ouvertüre ist damit schon das ganze Thema entfaltet: Es geht um nichts und niemand anderes als um Gottes Geist. Nicht Ungeister und dämonische Mächte, Unheilsgeister und Gesinnungen des Hasses und der Rache, des Streites und der Vernichtung werden prophezeit und herbeigeschworen, keine esoterische, absonderliche Geisterwelt tut sich auf. Gottes Geist wird angerufen, in der Sprache der Bibel also Gott selber. Um ihn geht es, der der Gott der ganzen Welt und aller Menschen ist. Der, der schon auf der ersten Seite der Bibel bezeugt wird als der, aus dessen Hand und in dessen Hand alles ist, was lebt. Mit seinem Atem, mit seinem Lebenshauch, mit seinem Geist und Leben stattet Gott das von ihm ins Leben gerufene Geschöpf aus, das seither den Namen Mensch trägt. Nach der Erfahrung von Leiden und Tod, die die Jünger zutiefst getroffen hatte, werden sie daran erinnert: Gott selber tritt für euch ein. Er ist der, der sich so offenbart: Ich bin der ich-bin-da, mit euch und für euch, alle Tage. Nie seid ihr gott-verlassen und gott-los. So lange der Mensch lebt, atmet er und sein Lebensatem ist geschenktes Leben. Heiliger Geist meint: Gottes Leben lebt in mir. Mein Leben ist empfangenes und unverdient geschenktes Leben.

… fügt Jesus vor den eingeschüchterten und angsterfüllten, in sich und vor der Welt verschlossenen Jüngern hinzu: Friede sei mit euch. Er beschreibt damit nichts anderes und niemand anderen als Gott selber, der der Friede ist. Gottes Geist, seine Absicht für den Menschen und die Welt ist Friede, Versöhnung und Gerechtigkeit. Wer Gott ist und was er den Menschen sein will, ist zusammengefasst in diesem Wort: Friede sei mit euch. Die von Gott ausgehende, lebendige Kraft, seine Wirkmacht, sind nicht auf Zerstörung und Vernichtung aus, auf Trennung und Ausgrenzung, auf Verachtung und Unterdrückung, sondern vielmehr auf Heil und Heilung. Wenn wir von einem Menschen aufgrund seiner Verhaltensweisen und seiner Äußerungen sagen: Da sieht man, wes Geistes Kind er oder sie ist, dann meinen wir: Da sieht man, was diesen Menschen im Innersten ausmacht, ihn bestimmt, sein Handeln und seine Taten leitet, was er in seiner tiefsten Bestimmung ist. Wo Friede ist, ist Gott, weil Gott der Gott des Friedens, ja der Friede selber ist. Deshalb die Ankündigung bei der Geburt des menschgewordenen Gottes: Friede den Menschen auf der Erde. Gott, der Friede, kommt dorthin, wo Menschen schreien und sich sehnen nach Befreiung und Erlösung. Und deshalb diese Zusage, die angesichts des Todes Jesu notwendig wurde: Nicht Tod ist für euch bestimmt, sondern Leben und Friede.

… dass dies alles nicht aus dem Reich der Phantasie und der Spekulation, aus jenseitiger Geistesspähre stammt, verweist Jesus auf das, was seine bleibenden Erkennungsmerkmale und Identitätszeichen sind: seine von den Kreuzesnägeln durchbohrten Hände und seine von der Lanze des Soldaten durchbohrte Seite. Gottes Geist, der jetzt, hier und heute an den Menschen handelnde Gott, ist der Gott, der leidet mit den Leidenden, der verwundbar wurde und die Wunden der Verspottung und Verachtung ausgehalten hat, der auf der Seite all derer zu finden ist, die um ihrer Überzeugung willen verfolgt werden, die unschuldig vergewaltigt, gequält und getötet werden. Gott ist nicht unempfindlich gegenüber dem Leid und dem Leiden der Menschen. Mitleid ist Gottes Kennzeichen, nicht als gnädiges Von-oben-herab, sondern als ein mit den Menschen leiden, sich zu ihnen beugen, mit ihnen weinen und klagen. Das hat Jesus in den Begegnungen mit den Menschen gezeigt als der, der Gottes Liebe und seine persönliche Nähe gelebt hat und den Menschen daran Anteil schenkte. Seht meine Hände und meine Seite!

…vielmehr ist er eine lebendige und lebendig machende Anstiftung zum Leben: Wie mich der Vater gesendet hat; so sende ich euch. Im Plural gesprochen! Keine allein individuelle und individualistische Auszeichnung und Belohnung. Sondern Auftrag, Bestimmung für die damals noch kleine Jüngergemeinde, die bald bis an die Grenzen der zu ihrer Zeit bekannten Welt auszog, um allen aus diesem Geist den Gott zu bezeugen, der der Gott des Lebens ist. Er ist nicht nur da für ein einziges Volk, für eine auserwählte Nation, für eine bestimmte Sprache und Kultur, für eine andere ausgrenzende Konfession oder Religion. Er ist nicht katholisch oder evangelisch, er gehört nicht den Christen, den Juden oder dem Islam, er gehört nicht den Weißen oder den Schwarzen, sondern er ist der Gott all derer, über die er seinen Geist ausgießt und sie in einer neuen Gemeinschaft zusammenführt. Einer Gemeinschaft, in der Vergebung und Verzeihung leben.

Deshalb und damit wir es nicht vergessen, der heutige mit zwei freien Tagen gewürdigte Festtag mit seiner Bitte: Gott, sende uns deinen Geist. Und: Komm, Heiliger Geist, strahle Licht in unsere Welt. Denn ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts heil sein und gesund.